Im Gottesdienst am 14.9.1953 erinnerte sich die Kirchgemeinde an das 50 jährige Jubiläum der Orgel. In diesem Gottesdienst berichtete Gerhard Walter aus Neunkirch über die Geschichte der Orgel und sein Amt als letzter Vorsänger in unserer Gemeinde:
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Wie es zur Orgel kam" ... denn die Kirche wartet noch der Orgel". Dieser Spruch steht seit der Renovation der Bergkirche 1936 in einem Schriftfeld an der Brüstung der Ostempore. Ein Vorsänger leitete den Gemeindegesang während der Gottesdienste. Er sass im Seitenschiff gegenüber der Kanzel, in der vordersten Bankreihe, wo auch der Mesmer seinen Platz hatte. Seine Aufgabe war es, das vom Pfarrer angesagte Lied anzustimmen und dann auf "Gedeih und Verderb" frisch drauflos zu singen, wobei dann die Gemeinde mehr oder weniger kräftig einsetzte. Das Amt des Vorsängers wurde einem Lehrer übertragen. Die letzten Vorsänger waren Jakob Wäckerlin, Albert Deuber, Hans Göpfert und der Schreiber dieses Berichtes. Mit der Einführung des Kirchengesangbuches von 1952 (das bereits wieder durch ein noch neueres ersetzt worden ist) kam der Bau einer Orgel ins Gespräch, denn das Gesangbuch enthielt Lieder, die vor allem im Rhythmus, aber auch in der Tonlage von den bisherigen Gesängen abwichen. Man befürchtete, der Gemeindegesang falle auseinander. Unsere Bergkirche war die letzte im Kanton, die noch keine Orgel aufwies. |
Zur Geldbeschaffung wurde ein grosser Bazar angeregt und durchgeführt. Helfer waren genug vorhanden. Fleissige Frauen stellten Handarbeiten und Backwaren her. Der Bazar fand am 8./9. November 1952 in der Turnhalle und in den beiden angebauten Schulzimmern statt (eine Städtlihalle gab es noch nicht). In der Halle wurde verkauft und konsumiert. Die "Zehn kleinen Negerlein" der Dritt- und Viertklässler wurde dreimal aufgeführt. (Daran erinnert sich heute noch mit viel Vergnügen ein in Gächlingen wohnhafter Neunkircher, der damals im Spiel mitgewirkt hat.) Ein Schulzimmer diente als chinesische Teestube. Sie war geschmückt mit chinesischen Schriftzeichen, von oben nach unten zu lesen. Niemand konnte sie entziffern, dafür schmeckte der Tee sehr gut. Hauptattraktion aber war das "Duz-Zelt". Hier galt nur die Anrede "Du" für hoch und niedrig. Wer sich versprach, musste eine "Strafe" zahlen. Da blieb dem jungen Schulmeister nichts anderes übrig, als den hohen Herrn Regierungsrat mit "Salü Karl" anzureden, so ungewohnt es auch tönte. Es gab komische Verwicklungen und auch viel Gelächter. Das garstige Wetter - es fielen dicke Schneeflocken, die sich in Pflutsch verwandelten - tat der fröhlichen Stimmung keinen Abbruch. Lumpenlieder wurden gesungen und man nahm sich gegenseitig "auf die Gabel". Zum Schluss wurde getanzt. Der Bazar war zum grossen Erfolg geworden, zu einem Erlebnis, über das man in der Erinnerung noch lange schmunzelte.
Ihr zur Seite stand als technischer und musikalischer Experte Heinrich Funk, Organist im Fraumünster in Zürich. Verschiedene Orgeln wurden besichtigt. So reiste die Kommission einmal nach Münsterlingen TG. Aufgrund des Systems und der Ausführung empfahl der Experte, die Firma Orgelbau AG in Genf als Herstellerin des geplanten Instrumentes. Während des Sommers 1953 waren die Orgelbauer dieser Firma auf der Westempore der Bergkirche an der Arbeit. Der Prospekt (Vorderansicht der Orgel) wurde von Architekt Willi Wäckerlin entworfen und, wenn die Erinnerung nicht trügt, von der Schreinerei Schacher ausgeführt. Einige Angaben über das Werk: 23 Register verteilt auf zwei Manuale und Pedal, insgesamt 1367 Pfeifen (1265 Zinn- und 102 Holzpfeifen), die grösste Pfeife misst 2,40 m, die kleinste 13 mm. Ein Elektroventilator liefert die notwendige Luft, die Traktur ist ebenfalls elektrisch.
Im Festgottesdienst um 9.15 Uhr liess der Orgelexperte mit Eingangsspiel "Allein Gott in der Höh sei Ehr" das Instrument zum erstenmal in seiner vollen Schönheit erklingen. Die Festpredigt hielt Pfarrer Heinrich Schmid. Der Gemischte Chor sang den Psalm 92 mit Orgelbegleitung "Das ist ein köstlich Ding, danken dem Herrn und lobsingen seinem Namen". Den anspruchsvollen Solopart dieses klangvollen Werkes besorgte die einheimische Sopranistin Ursula Schelling. Ausserdem trug der Chor das Lied "Komm heilger Geist, erfülle unsre Herzen" vor. Dazwischen sang die Gemeinde mit Orgelbegleitung - der Vorsänger hatte ausgedient, das Amt war überflüssig geworden - und Kirchgemeindepräsident Albert Deuber hielt eine Ansprache. Das Ausgangsspiel, eine Toccata und Fuge, war wiederum meisterhaft vom Orgelexperten gespielt.
Am Abend gab es ein künstlerisch gediegenes Einweihungskonzert. Ausführende waren Heinrich Funk, Orgel, Hedwig Jucker, Alt, und Clara Tanner-Egyedi, Cello. Das Programm umfasste unter anderem Werke von Händel, Bach und I. G. Walter. In der Presse erschien ein Bericht über diesen Anlass, er schloss mit den Worten: Möge es der Orgel gelingen, als kultisches Instrument ihren Dienst zur Befriedigung und Freude der Zuhörer zu erfüllen, aber auch "ad Dei gloriam et honorem" (zum Ruhm und zur Ehre Gottes).
Das Orgelspiel des Gottesdienstes ist nicht Nebensache. Das Eingangsspiel soll zur seelischen Erbauung vorbereiten, was auch geschieht, wenn der Zuhörer aufmerksam und still in sich gekehrt dem erhabenen Zauber der Töne lauscht. Als Begleitinstrument des Gesanges ist die Orgel dazu bestimmt, den andächtigen Sänger einzuführen in das bevorstehende tiefe Erlebnis der Predigt, während zum Abschluss des Gottesdienstes das Ausgangsspiel mit seiner Tongewalt den Gläubigen einlädt, den Gewinn der Weihestunde mit ins Leben hinaus zu nehmen.
Man nennt die Orgel die Königin der Instrumente. Mit Recht, denn sie ist mit ihrer Vielgestaltigkeit das grossartigste Instrument. Je nach ihrer Grösse gebietet der Organist über eine Klangfülle, die einem grossen Orchester gleichkommt. Wenn die Orgel mit ganzer Wucht einsetzt, kann nur die Gesamtheit aller Instrumente eines Orchesters eine ähnliche Pracht entfalten. Die Möglichkeiten der Tongestaltung sind dank der Registrierung fast unbeschränkt.
Gerhard Walter, im Schleitheimer Bote, Kulturblatt vom 13.8.2003
letzte Änderung: 14.09.03